Tarantino – The Bloody Genius BluRay Kritik

Quentin Tarantino

Es mag überraschen dass der erste echte Versuch, eine Doku über Quentin Tarantino zu drehen zu einem Zeitpunkt kommt wo dieser – nach eigenen Aussagen – wohl nach nur einem weiteren Film in Ruhestand geht (jedenfalls was Regiearbeit an Kinofilmen angeht). Überraschend deshalb, weil sein Wirken in Hollywood in den Anfangsjahren so immens war dass eine Reihe von Büchern über ihn geschrieben wurden bevor er überhaupt Jackie Brown gemacht hatte. Kurze Zeit später erblickte diese Website das Licht der Welt (jetzt etwa 20 Jahre alt), ein schwieriges Unterfangen ist es daher, mit einen Film wie QT8 – The First Eight, Tara Woods film über Tarantinos 8 großen Regiearbeiten, eine Dokumentation über Tarantino zu bewerten. Das Projekt ist sicherlich keine Ultimative Tiefenanalyse von Tarantinos Lebenswerk, das gibt es aber auch nicht vor zu sein. Wer sich davon investigativen Journalismus erwartet, oder beispielsweise ein Tagebuch von den Produktionsarbeiten (wie das fantastische Full Tilt Boogie), würde enttäuscht sein. Für diejenigen die wie ich daher sehr krtisch auf solch eine Doku gucken, diejenigen wenigen die sich sehr gut mit QT auskennen, oder sich Fans oder Experten nennen, wird es wohl nicht unbedingt die Dokumentation unserer Träume sein. Nichts desto trotz, ist der Film sowohl packend als auch informativ (was er für das allgemeine Publikum ohnehin ist) und daher sehenswert. Lasst uns einen genaueren Blick wagen.

QT8 – Quentin Tarantino: The First Eight (in Deutschland von Koch Films “Tarantino – The Bloody Genius” getauft) ist mit 1h 40min eine relativ kurze Befassung mit dieser Zeitspanne – hier reden wir immerhin von den ersten acht großen Filme von Quentin Tarantino! Regisseurin Tara Wood, die 2014 ein ähnliches Projekt über Richard Linklater gemacht hatte (gibt es in Deutschland nicht zu kaufen), musste lange dafür kämpfen, dieses Projekt aus der Weinstein-Konkursmasse herauszuklagen (TWC besaß die Rechte). Am Ende war sie erfolgreich, vielleicht auch weil sie Tarantinos Segen für das Projekt hatte. Aber es bedeutete auch, dass die Doku letztlich erst nach Once Upon a Time… in Hollywood erschien, Tarantinos neunter und erster nach seiner Weinstein-Phase. Es verstetzt Woods Film aber in die gute Lage einen Blick zurück zu wagen und von der aktuellen Aufmerksamkeit für Tarantinos Arbeit zu profitieren.

Hauptzutat des films sind neue Interviews (und einige Szenen aus Filmen oder von Dreharbeiten) in einer groben Kapiteleinteilung (seine Karriere von Reservoir Dogs bis The Hateful Eight verfolgend), beispielsweise mit Christoph Waltz or Eli Roth. Nicht alle von denen es interessant gewesen wäre, von ihnen zu hören, wollten oder konnten hier einen Beitrag leisten, am Ende sind es nur sehr wenige Personen die hier Interviews gaben. Darunter befinden sich ein Filmkritiker, zwei Produzenten, einige Schauspielerinnen und Schauspieler. Viele Personen tauchen nicht auf, die Fans hier vermissen werden – keine Mary Ramos, Fred Raskin oder Bob Richardson zum Beispiel, oder weitere Weggefährten und Freunde, von Laurence Bender bis Robert Rodriguez. mit Scott Spiegel als wilkommene Ausnahme.

Mit seinen 100 Minuten an Interviews kann der Film natürlich nicht jeden Aspekt von Tarantinos Werk beleuchtetn – er fokussiert sich daher auf seine acht großen Kinofilme. Da fühlt er sich teilweise durchaus etwas nach einem hastigen Überblick an, bei dem viele Interessante Dinge unter den Tisch fallen, aber das ist künstlerische Absicht und Ergebnis der Fokussierung. Einiges findet sich dann in den Extras der BluRay wieder (z.B.ein erweitertes Interview zu Four Rooms ), einige Dinge werden auch gar nicht erwähnt, wie einige Aspekte seiner frühen Karriere (True Romance, und das Verhältnis zu Oliver Stone oder Roger Avary nur als Beispiele) oder Tarantinos Leben außerhalb des Kinos (seiner Mutter findet Erwähnung aber der Film ist an biographischen Details sehr dünn), oder Aspekte der Entstehung und des Wirkens seiner Arbeit, deren Rezeption und Kritik daran, seine Nutzung von Musik, seine Einflüsse oder Nebenprojekte (als TV-Regisseur für CSI, als Gast-Schauspieler in Alias, etc.).

Was QT8 richtig gut macht ist, Zeitgenossen Raum zu geben, sich über den Regisseur zu äußern, was in manchen Fällen viel Lob ist, teilweise aber auch ein Reichtum an Anekdoten, und – wie in der Causa Weinstein – wenigstens ein Funke an Reflektion zu Tage fördert. Dabei weiß QT8 zu unterhalten, fühlt sich flüssig an, die Interviews machen Spaß und man sieht sie sehr sich die Beteiligten gerne zurück erinnern, ob Richard Gladstein, Michael Madsen oder Bruce Dern. Das macht die Doku für Fans und Neulinger gleichermaßen zu einer guten Ergänzung zu sonstigen Informationsquellen. Für diejenigen die sich mit Tarantino noch nicht so gut auskennen wird QT8 ein reiches und enthusastisches Bild malen, und vielleicht Appetit darauf machen, mehr über ihn zu lernen (durch Bücher oder mit einem Filmabend). Diejenigen die sich sehr gut auskennen mit Tarantino werden zwar vielfach Tiefgang vermissen, da es eben keine wissenschaftliche Untersuchung ist sondern ein längeres Interview-Feature, werden den Film aber dennoch aufschlussrich und unterhaltsam finden.

Ich komme nochmal zurück zu meinen anfänglichen Gedanken über Erwartungshaltungen: QT8 ist vieles nicht das man sich hätte wünschen können wenn man von dem Projekt hört, das bringt eine Dosis Enttäuschung. Man darf jedoch nicht vergessen dass es bislang nie eine Tarantino-Doku von diesem Kaliber gab oder mit dem Grad an Zugang. Was das betrifft ist QT8 ein Meilenstein. Es ist kein Investigativreport, klar, dafür muss man ein gutes Buch (hier ein paar) lesen und die Extras der diversen BluRays ansehen (besonders empfehlenswert die Extras auf der Tarantino XX Box), um näher an die Lücken heranzukommen die ich erwähnte. Ich empfehle definitiv die Outtakes auf der BluRay (siehe weiter unten). Es ist aber immerhin ein bis dato einzigartigartiger Blick auf sein Werk aus dem Blickwinkel vieler großer Namen die mit ihm eng zusammen arbeiten. Tarantino gab dem Projekt seinen Segen, ließ es aber alleine um dessen Neutralität zu wahren (was gut ist). Vor einigen Wochen sprach er einige Worte vor einer Vorführung des Films, er scheint wohl glücklich mit dem Ergebnis zu sein, und das sollten Fans auch.

Quentin Tarantino

QT8 erschien vor einigen Wochen in den USA als Digital- bzw. Streamingversion, und erscheint diesen Monat in Deutschland auf BluRay, DVD und VOD. In UK ist er bereits in der Form erschienen. In den USA ist bislang noch kein physisches Medium angekündigt. Die BluRay bietet die Doku auf Deutsch (mit klassischer Drüber-Synchro mit vielen bekannten Synchronsprechern) und Englisch, mit optionalen deutschen Untertiteln. Zu den Extras gehören in erster Linie erweiterte und nicht verwendete Interview-Segmente: “A VHS tape for Robert” (4:20) bietet etwas mehr mit Robert Forster, der kürzlich leider verstarb. “Who’s gonna be Bill?” (3:20) beschäftigt sich mit der Frage, wer eigentlich Bill hätte sein sollen (Warren Beatty).  “The walking IMDb” (2:30) kratzt ein wenig an dem Thema des unendlichen Filmwissens von Quentin (und wiederholt dabei die von QT vehement wiederlegte These, er hätte dieses Wissen in den Video Archives angehäuft. Er hat mehrfach gesagt, man habe ihn dort überhaupt wegen seines Filmwissens erst angestellt). “Four Rooms” (4:00) sagt ein wenig etwas über Tarantinos filmisches Vokabular und “Meeting QT” (14:30) bietet diversen Zeitgenossen Gelegenheit zu erzählen, wie sie Tarantino das erste mal getroffen und kennen gelernt haben. Am Ende gibt es noch den Trailer auf Deutsch und Englisch, sowie einen Werbesport.

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Tarantino Bloody Genius

Die BluRay wurde uns freundlicherweise von Koch Films zur Verfügung gestellt. Click here to read this review in English.

Sebastian H

Sebastian H

Sebastian is the founder and owner of the Tarantino Archives. He lives in Berlin. He also runs the SWDb and GCDb, Furiouscinema.com, robert-rodriguez.info and nischenkino.de

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1 Response

  1. January 10, 2020

    […] This text is a translation of the BluRay review in German. […]